Selbsthilfegruppe Schlaganfall und Aphasie Karlsruhe

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Eberhard Liebisch

Leben mit und nach dem Schlaganfall

Dies eine Auseinandersetzung mit „meinem“ Schlaganfall

(ja, es ist mein Schlaganfall)

Das Ereignis liegt nun ca. 4 Jahre zurück ich war 52 Jahre alt und es ist an der Zeit meine Gedanken zu ordnen: Ein Schlaganfall bedeutet, wie jede andere schwere Krankheit auch, das plötzliche Ende des bisherigen, gewohnten Lebens. Das trifft besonders dann zu, wenn dieses überwiegend über Inhalte definiert wurde, wie z. B. Beruf, Hobby, Ehrenamt, etc., die danach krankheitsbedingt nicht mehr ausgeübt werden können.

Wie das Ende des Lebens den Tod bedeutet, so ist ein solcher Schicksalsschlag auch eine Form des Sterbens. So ist auch zu erklären, dass dann, wenn einem die Krankheit und ihre Folgen (Ende des Beruflebens, körperliche Behinderungen, etc.) nach einer gewissen Zeit mit aller Deutlichkeit schmerzlich bewusst werden, die Gedanken beginnen, um solche Dinge zu kreisen, die man schon immer mal tun/erledigen wollte und es schmerzt sehr zu erkennen, dass es nun dafür vielleicht zu spät ist Leben kann man nur in der Gegenwart - also jetzt! -, d.h. weder in der Zukunft, noch in der Vergangenheit. - zugegeben eine sehr banale Erkenntnis, die man sich aber bewusst machen muss, weil sie für die Krankheitsbewältigung notwendig und hilfreich ist. In der Folge dieser Erkenntnis kommen Panik, Wehmut und ein Anflug von Verzweiflung auf. Die Gedanken fangen an, zu kreisen und mit der inneren Ruhe ist es erst einmal vorbei. Dieser leicht depressive Zustand kann allerdings auch in einer Trotzreaktion Kraft freisetzen, nach dem Motto: “Jetzt erst recht“ möchte ich dieses oder jenes noch tun und erleben, denn: aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Ich wollte z. B. vor meinem Schlaganfall mit meiner Frau den Hawai-Marathon in Honolulu laufen (eigentlich als Geschenk für meine Frau zu ihrem 50. gedacht) Dieses Vorhaben steckt mir immer noch im Hinterkopf. Ich habe nun auch Physiotherapeuten gefunden, die mich dabei unterstützen wollen.

Diese Krankheit als große Chance

Ich bin - Gott sei Dank! (das meine ich wörtlich) Herr meiner geistigen Fähigkeiten geblieben und kann mich deshalb intensiv mit meiner Krankheit und ihren Folgen auseinandersetzen. Der dafür erforderliche innere Dialog ist notwendig, positiv, aber auch sehr anstrengend und unbequem, denn man läuft immer wieder Gefahr, bei der zurückgerichteten Frage Warum? Hängen zu bleiben, eine Frage, auf die es keine Antwort gibt und darum besser durch die nach vorn gerichtete Frage Wozu? ersetzt werden sollte. Auch hier fällt die Antwort nicht leicht, sie gibt aber Orientierung und führt voran! Mir ist klar geworden: Das Leben geht weiter (und noch mal sage ich: Gott sei Dank!) und wenn man dazu noch das Glück hat, die Krankheit zu überleben, eröffnet sich einem dadurch die einmalige Chance: nämlich das Leben noch einmal zu beginnen. Mit dem Vorteil, nicht bei Null anfangen zu müssen - die bisherige Lebenserfahrung bleibt erhalten und kann genutzt werden!
Man muss dieses neue bzw. andere Leben allerdings entdecken und wie bei allen Entdeckungen ist auch diese Reise „zurück in den Alltag“ mit Wagnissen und Risiken verbunden. Dies gilt natürlich besonders für jemanden mit einer Behinderung (als ehemaliger Rollstuhlfahrer weiß ich, wovon ich spreche). Fehler* bleiben da nicht aus und man benötigt Mut, sich wieder in den Alltag, in die Normalität zu stürzen, sogar um Hilfe zu bitten, fällt nicht immer leicht - doch die Hilfsbereitschaft bei den Mitmenschen ist groß, wenn man sich überwindet, darum zu bitten.
Ich habe inzwischen für mich eine Möglichkeit gefunden, auch wieder sportlich aktiv zu sein: Ein Liegedreirad ist ein neues Hobby geworden. Im Jahr 2004 habe ich etwas mehr als 1.300 km zurückgelegt. Anfänglich musste mein gelähmtes Bein an einem Spezialpedal fixiert werden und wurde durch mein rechtes Bein “zwangsweise“ mitbewegt, doch inzwischen kann ich das linke wieder voll einsetzen.
Siehe hierzu auch

auf diseser Website.

Die Selbsthilfegruppe Schlaganfall und Aphasie Karlsruhe leite ich seit 2003.

Eberhard Liebisch im Oktober 2004

Hurra! wieder mit Start-Nummer unterwegs!

Sonntag,13. November 2005, strahlend blauer Himmel draussen, als ich den Rolladen in meinem Zimmer hochziehe. Wir stehen heute früh auf, denn meine Frau, eine engagierte Läuferin, Ist als Teilnehmerin am Karlsbader Volkslauf als Doppelstarterin über 5 und 10 km gemeldet.

Ich bin natürlich als ehemaliger Läufer, wie immer dabei, um die Atmosphäre zu schnuppern und frühere Sportkameraden zu treffen, die sich sicher manchesmal wundern über mein: "trainiert fleissig weiter, ich bin auch wieder irgendwann dabei!" Das blosse Zuschauen und das Wiedererkannt werden nach fast 6 Jahren Abstinenz von der Laufszene motivieren mich ungemein!

Vor einem Jahr war ich in Karlsbad ebenfalls Zuschauer (hier im Klinikum Karlsbad-Langensteinbach) begann übrigens vor ca. 6 Jahren im Juli 2000 meine "Karriere" als Schlaganfallpatient, unfähig zu sitzen, zu stehen, geschweige denn zugehen. An's Laufen war nicht im Traum zu denken.

Eine Besonderheit dieses Laufes ist es, dass es eine Sonderwertung für den teilnehmenden Verein gibt, dessen teilnehmende Läufer und Walker die meisten km über die 5- und 10 km-Strecke zusammenlaufen. Letztes Jahr war das die Laufgemeinschaft Remchingen (mein Wohnort) mit über 800 km. Als Ziel für dieses Jahr sollten 1000 km angestrebt werden. Als ich das hörte, kam mir spontan der Gedanke, trotz meiner Behinderung (halbseitig gelähmt seit 5 1/2 Jahren) 5 km dazu beizutragen. Also versuchte ich mit der Startnummer 949 an meiner Brust nach dem Startschuss um 9 Uhr 50 die 5-km-Walkingstrecke zu bewältigen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl mit individueller Lautsprecherbegrüssung nach ca. 50 Minuten durch's Ziel zugehen. Früher wäre das in weniger als der halben Zeit passiert, aber was soll's! Hauptsache wieder dabei!

Ich hoffe, dass dies ein weiterer Schritt zu meinen grossen Zielen Hawai-Marathon und das Pilgern auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela war.

PS: Mit meinem Willen, den richtigen Therapeuten und Gottes Hilfe, glaube ich, werde ich das schaffen!

Eberhard Liebisch im November 2005

* Die unvermeidbaren Fehler sind notwendiger Teil des Lernprozesses “zurück zur Normalität“ Ich wünsche allen ebenfalls Betroffenen Mut, viel Geduld, Zuversicht und verständnisvolle Mitmenschen. Freuen wir uns gemeinsam auf das Leben nach dem Schlaganfall und nutzen die 2.Chance

Jetzt dranbleiben!

Es geht weiter voran nach 3 Wochen Intensivtherapie

Jetzt ca.5 1/2 Jahre nach meinem Schlaganfall und 3 Jahre nach der letzten stationären Reha bin ich zwar noch immer links halbseitig gelähmt hatte aber das Gefühl, dass es für meinen Körper und mein Gehirn der richtige Zeitpunkt ist, einen weiteren intensiven Impuls durch eine gute Rehamaßnahme zu setzen, um einen weiteren Schritt voranzukommen, bzw. meinen Zielen deutlich näher zu kommen.

Im vergangenen Jahr habe ich meine Therapie-Einheiten (2 x KG + Ergo/Woche) zuhause durch tägl. Ergometer- und Crosstrainerarbeit, sowie 1.600 km mit meinem Liegedreirad ergänzt und war zwischenzeitlich auf ein besonderes Therapie-Angebot des Zentrums für Rehabilitation in Pforzheim gestossen (hoch lebe das Internet!), für mich 30 Autominuten entfernt, aber auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen.
Ich beantragte über meinen Hausarzt bei meiner Krankenkasse eine ambulante Rehabilitation dort und nach zähem Ringen kam dann endlich die erfreuliche Antwort in Form einer Zusage über 3 Wochen Intensivtherapie nach „SCI –ART“, diese wird in Pforzheim exklusiv für SchädelHirnTrauma- und Schlaganfallpatienten angeboten.
Intensivtherapie bedeutet 30 Wochenstunden anstrengende Physiotherapie. Ich war richtig froh, durch eigene Anstrengungen mal wieder ins Schwitzen zu kommen Und das im Januar! Die 2 Wochenenden innerhalb der 3 Therapiewochen waren wirklich nötig, um mich wieder zu erholen. Trotzdem freute ich mich immer wieder auf die weitere Therapiewoche. Und das zu Recht, wie ich heute rund 4 Wochen nach Reha-Abschluss feststellen kann, denn mein Fazit ist durchweg positiv; es gibt deutliche Verbesserungen:

  1. ist mein Rumpf stabiler geworden
  2. Das Gleichgewicht hat sich spürbar verbessert
  3. Das gelähmte Bein trägt mich besser -
    ich nehme es intensiver und mit mehr Vertrauen wahr
  4. Arm u. Hand sind lockerer -
    die „Dauerspastik ist nicht mehr vorhanden, so dass ich sie leichter in den Alltag einbeziehen kann.
  5. Das Gehen fällt mir leichter
  6. Bordsteine und Treppenstufen sind nun keine riesigen Hindernisse mehr
  7. und als Folge all dieser Verbesserungen nimmt natürlich auch
    das Selbstvertrauen zu

Ich plane bereits für die wärmeren Tage schon kleinere Wanderungen und kann es kaum abwarten, mein Liegedreirad vom Winterschlaf zu befreien.
Abschließendes Fazit: Die“Schinderei“ hat sich gelohnt!

PS: Ich bin seit einigen Tagen aus dem Winterurlaub zurück mit dem positiven Erlebnis gelungener Ski-Langlauf-Versuche.

Eberhard Liebisch im Februar 2006

Persönlicher Glaube

"Ich glaube, dass Gott in uns Menschen "Grosses" hinterlegt hat und dass wir damit in der Lage sind, persönliche Krisen und sogar sogenannte "ausweglose Situationen" zu meistern.
Den Schlüssel zu dieser Schatztruhe finden wir in uns selbst, wenn wir glauben: denn es ist unser Glaube.

Eberhard Liebisch im Mai 2006

Auf dem Jakobsweg

Lebe deinen Traum

Ja, es war eine Art von Traum, als ich kurz nach meinem Schlaganfall im Juni 2000 Noch in der Akutphase im Klinikum Langensteinbach lag und plötzlich (wie aus heiterem Himmel?) diese Idee in meinem Kopf war - Ich denke, es war mehr als blosser Zufall, aber eine Erklärung habe ich bis heute dafür nicht gefunden.
Ich habe den Freunden und Bekannten, die mich am Krankenbett besuchten davon erzählt. Die Folge war, dass ich bei weiteren Besuchen Buch um Buch zum Thema Jakobsweg bekam "Ich bin dann mal weg" von Harpe Kerkeling gab es damals noch nicht. Mit jeder Zeile, die Ich las und mit jedem Bild,das ich sah, verstärkte sich der Wunsch, diesen besonderen Weg zu pilgern. Mir wurde in den folgenden Monaten und Jahren schnell und schmerzhaft bewusst, dass ich aufgrund meiner Halbseitenlähmung nicht in der Lage war, diese ca. 900km auf dem spanischen Jakobsweg, dem Camino, zu bewältigen. Als ehemaligem Hobby-Ausdauersportler (Marathon, Triathlon, Skilanglauf) war es mir wichtig, mir schnell, trotz des Handycaps wieder eine sportliche Betätigung zu erschliessen. Neben der Halbseitenlähmung waren auch das Gleichgewicht verlorengegangen und das Gesichtsfeld links eingeschränkt. Spastik kam noch dazu. Seit 2003 bin ich unter die Liegedreiradfahrer gegangen/gefahren. Mit dem Radfahren ging es nach mühsamen Beginn bald besser (ca. 2000 km fuhr ich in der Saison, also Mai bis Oktober. Es lief von Jahr zu Jahr besser und so wuchs meine Zuversicht, den Jakobsweg mit diesem Gefährt zu bewältigen. Ich liess keinen Dia-Vortrag und keinen Fernsehbeitrag zum Thema Jakobsweg aus und durchsuchte auch das Internet gründlich, tauschte mich mit Menschen aus,die den Weg schon gepilgert sind. Dadurch schälte sich das für mich in meiner speziellen Situation vermeintlich grösste Hindernis heraus: Es war das Übernachtungsproblem unterwegs.

Und dann ging alles ganz schnell.
Rolf, ein früherer Sportkamerad (seit dem 01.08.2009 im Ruhestand), der den Weg auch pilgern wollte,hatte sich für den Ruhestand ein Wohnmobil zugelegt. Da eine Knieprothese, die er 2008 bekam, das Pilgern zu Fuss auch für ihn nicht zuliess, wollte er mich mit dem Fahrrad begleiten.
Als Generalprobe auch hinsichtlich der Steigungen, die uns in Spanien erwarteten, machten wir eine Tagestour von Pforzheim nach Ulm, mit Aufstieg zur Schwäbischen Alb bei Geislingen an der Steige. Auf die abschliessende Frage: "Wollen wir als Handycap-Duo das Abnenteuer Jakobsweg wagen?", sagte ich spontan zu. Ja dann war da noch Franz, ein Bekannter von Rolf. Er fuhr früher als Trucker nach Spanien und ist der Spanischen Sprache etwas mächtig. Er, inzwischen ebenfalls im Ruhestand, ergänzte nicht nur unser Team, sondern macht das kleine Unternehmen überhaupt erst möglich, indem er zusagte, das Wo-Mo zu fahren, in Spanien einzukaufen und uns abends am jeweiligen Etappenziel einen Stellplatz für das Wohnmobil zu organisieren. Campingplatz - falls nicht vorhanden - auch "wild". Damit löste sich meine Sorge: - Wie komme ich in den Pilgerherbergen ohne Hilfe ins Bett und wieder raus? - Es sind üblicherweise Stockbetten! - in Luft auf.

Jetzt wird’s ernst!

Am Sonntag, den 2. August (Rolf’s 1. Ruhestandstag!) war Start. Die Anfahrt ging über Karlsruhe, an Strassburg vorbei, südlich um die Vogesen herum, quer durch Frankreich hindurch zur ersten Übernachtung nach Le Puy. Am Folgetag nach Lourdes. Hier holten wir uns den Segen für das Gelingen der Tour. Am dritten Tag war der Start in Pamplona. In den nächsten 2 Wochen absolvierten wir in 17 Tages-Etappen den Jakobsweg (Camino) quer durch Nordspanien über Burgos und Leon nach Santiago de Compostela. Dort machten wir einen Ruhetag und fuhren dann weiter an’s sog. “Ende der Welt“, also nach Kap Finesterre - den westlichsten Punkt Europas.

Wie sahen unsere Reisetage üblicherweise aus?

Während Rolf und ich uns bei bis zu + 45 Grad Celsius auf dem Camino mühten, suchte Franz am verabredeten Tagesziel einen Stellplatz für die Nacht (Campingplatz mit elektr. Strom und Duschen oder alternativ "wild", falls es keinen Campingplatz gab bzw. dieser belegt war, gibt es schon mal während der Hauptreisezeit im August). Darüber hinaus kümmerte sich Franz um all die vielen kleinen Dinge, die wir Radler tagsüber nicht erledigen konnten, kaufte die Essenzutaten ein. Morgens beim gemeinsamen Frühstück Legten wir den Speiseplan für das Abendessen fest. Rolf kochte vorzüglich! Das gemeinsame Abendessen wurde regelrecht zu einem Ritual. Zum Tagesabschluss genehmigten wir uns ein Gläschen Vino tinto und dankten dem Schutzheiligen der Pilger, dem heiligen Jakobus, dass die Reise so gut verlief. Unser gemeinsam gesprochenes Abschlusswort zum Tag war immer: "uns geht es gut". Dabei dachte ich natürlich auch an die vergangenen Jahre, die ich als "Pflegefall" mit bangen Gefühlen und Zukunftsangst erlebt habe.

Ja, und was lief nicht so gut?

Da waren einmal kleinere technische Probleme, die bei über 800 km Streckenlänge und rund 12.000 Höhenmetern nicht ungewöhnlich sind - aber im Zeitalter des Handy und mit einem Franz, der dadurch immer erreichbar war, kein wirkliches Problem. Ansonsten: problemlos!!!

Danken möchte ich meinen Mitstreitern Rolf und Franz ohne die mein Traum vom Jakobsweg nicht wahrgeworden wäre und natürlich meiner Frau, die ihren "Pflegling" für 3 1/2 Wochen nach Spanien entlassen hat.

PS: Von diesem Riesenerlebnis werde ich noch lange zehren und es gibt mir Mut für weitere Vorhaben.

Eberhard Liebisch im September 2009


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Revision: 26/01/2011

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